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Rafaela Carrasco und ihr Bühnenwerk En la memoria del cante:1922. Beitrag und Interview

Der Concurso de cante jondo, welcher 1922 in Granada stattfand und unter anderem von Federico García Lorca und Manuel de Falla initiiert wurde, veränderte die Flamencowelt nachhaltig. Der Wettbewerb des ‚tiefen Gesangs‘ sollte einen Gegenpol zu den damals beliebten Café Cantantes bilden und das andalusische Volk, wie auch das internationale Publikum, auf die ursprünglichen Flamencogesänge aufmerksam machen. Diese Idee wird noch heute in ausgeweiteter Form in Córdoba fortgesetzt („Concurso Nacional de Arte Flamenco de Córdoba“). Auch das Ballet Flamenco de Andalucía unter der Leitung von Rafaela Carrasco behandelte das spannende Thema mit einem Bühnenwerk.

En la memoria del cante: 1922 heißt das Stück welches am 17. Januar 2014 in Córdoba uraufgeführt wurde und anschließend durch alle Provinzen Andalusiens tourte, Ende Juni auch in Frankreich zu sehen war, bevor das Ballett im Sommer nach Granada zurückkehrte. Ich selbst konnte das Stück im Rahmen meiner Bachelor-Vorbereitungen zweimal mit Begeisterung sehen: einmal in Sevilla und einmal in Jerez de la Frontera.

Rafaela Carrascos Ensemble bestand aus acht bailaores, darunter drei Solotänzer, welche die Jury von damals präsentieren sollten: David Coria als Antonio Chacón, Ana Morales als Pastora Pavón, la „Niña de los Peines“ und Hugo López als Manuel „Torre“. Musikalisch unterstützt wurden sie von den Cantaores Miguel Ortega und Antonio Campos (in Jerez de la Frontera ersetzt durch Miguel Soto Peña „El Londro) und den Gitarristen Juan Antonio Suárez „Cano“ und Jesús Torres.

Um die Hommage an die damals partizipierenden Künstler abzurunden und die Stimmung von damals greifbarer zu machen, erklangen die Originalaufnahmen der drei Jurymitglieder, die besonders beim Programmpunkt Presentación del jurado (dt. Vorstellung der Jurymitglieder) zum Tragen kamen. Da Rafaela Carrasco einen Bogen zwischen damals und heute spannen wollte, ließ sie oft die Grenzen zwischen Originalaufnahme und Live Musik verschwinden: So hörte man zum Beispiel beim Programmpunkt Seguiriya de Manuel Torre Live-Gitarre und Originalstimme im Wechsel. Doch drehte sich das Werk nicht nur um die Jury, sondern auch um andere Mitwirkende, wie der beim Wettbewerb ausgezeichnetem Tänzerin „La Gazpacha“ und dem „Cuadro de la Zambra“: Ein Programmpunkt voller Farben, Zambras und Tangos.

Hier möchte ich ein Lob an die Bühnen-und Kostümbildner aussprechen: Das Design war harmonisch, ästhetisch, abwechslungsreich und trotzdem immer an die unterschiedlichen Palos thematisch angepasst. So sah man zunächst als Hintergrundprojektion an der Bühnenwand das für den Wettbewerb entworfene Bildmotiv von 1922, welches später durch andalusischen Spitzenstoff ersetzt und im Laufe der Performance mit unterschiedlichen Farben bespielt wurde. Die Tonás waren zum Beispiel schwach und lilafarben ausgeleuchtet, die Seguiriya nebelig und grün, die Cantiñas waren in gelb und rot gehalten und bildeten den letzten Programmpunkt, das Solostück von Rafaela, das der Bailaora „La Macarrona“ gewidmet war.

Wer nun durch all die genannten Namen verwirrt ist und der Meinung sei, man müsse viel über das damals Geschehene wissen-den kann ich beruhigen, denn auch daran wurde gedacht: Eine Off Stimme (Francisco Suárez) erzählte von dem damaligen Ereignis oder begleitete den Zapateado von Hugo López mit einem Gedicht von Federico García Lorca aus dem Poema de cante jondo. Rafaela Carrasco spannte nicht nur einen Bogen zwischen 1922 und 2014, sondern schaffte es auch, die Geschichte ab der Kundgebung des Wettbewerbs, über die Vorstellung der Jury, bis hin zu den Auftritten der Künstler von damals zu erzählen. So wurde ihr Solotanz durch einen plötzlich aufkommenden (historisch tatsächlich stattgefundenen) Platzregen unterbrochen und alle Darsteller verließen mit ihren Stühlen fluchtartig die Bühne, bis sie mit dem Applaus des Publikums zur Verbeugung zurückkehrten.

Standing Ovations gab es nur vereinzelt und die Kritik fiel recht unterschiedlich aus. Die Zeitung El Correo de Andalucía sprach sich nicht sonderlich positiv über das Werk des Ballet Flamenco de Andalucía aus, bemängelte die unzureichende Würdigung des ‚tiefen Gesangs‘ und der beiden Wettbewerbsgewinner Manolo Caracol und Diego Bermúdez. Dem stimme ich nur teilweise zu, denn beide Gewinner wurden mit je einer Performance geehrt. Mich hat eher die Bezeichnung des Programmpunktes Soleá de Diego Bermúdez El Tenazas gestört. So wurde zunächst eine Caña angestimmt, die von einer Solea apolá abgeschlossen wurde, deren Text und Melodie vom besagten Preisträger stammen. Sehr wenig „Soleá de Tenazas“, um einen ganzen Programmpunkt danach zu benennen, wie auch El Correo de Andalucía urteilte.

Alles in allem kann ich das Stück mit gutem Gewissen weiterempfehlen. Es ist abwechslungsreich, bunt und frisch. Obwohl die Flamencowelt von der traurigen Nachricht über den Tod von Paco de Lucía überschattet wurde, hat uns Rafaela Carrasco und ihr Ensemble für kurze Zeit vergessen lassen, welch großen Gitarristen wir verloren haben.

Am darauffolgenden Tag weinte der Himmel in Algeciras, als der wohl wichtigste Flamencomusiker der Geschichte beigesetzt wurde.

anjanita: Dein neues Projekt En la memoria de cante: 1922 soll an den Concurso de cante jondo von (unter anderem) Manuel de Falla und Federico García Lorca erinnern. Möchtest du eine ähnliche Botschaft vermitteln wie die genannten Initiatoren seinerzeit?

Rafaela Carrasco: Ich möchte in dem Stück unsere Geschichte und unsere Kultur hervorheben. Das Vermächtnis von damals hat in der heutigen Zeit noch nicht das Ansehen erreicht, dass ihm eigentlich zusteht. Wir möchten deshalb die selbe Botschaft wie die Begründer des Wettbewerbes vermitteln und vergangene Zeiten in das Jahr 2014 transportieren.

anjanita: Was bedeutet für dich cante jondo?

Rafaela Carrasco: Für die Leute damals, die den cante jondo befürworteten, war dieser Gesang der Ursprünglichste den es im Flamenco gab. Für mich bildet der ‚tiefe Gesang‘ das Fundament unserer Gefühle aus dem sich Neues schöpfen lässt.

anjanita: Du verwendest im Stück sowohl Originalaufnahmen als auch Live-Musik, deine Choreographien sind zeitgenössisch. Wie hoch ist dabei der Anteil von überliefertem Material und wie viele neue Elemente bringst du mit ein?

Rafaela Carrasco: Das ist schwer abzuwägen. Unsere Absicht war es Alt und Neu harmonisch zu verbinden und ein Gleichgewicht zwischen allem was auf der Bühne passiert herzustellen.

anjanita: Welchen Status haben bei dir die Gesangstexte? Wie setzt du sie in deine Choreographien um?

Rafaela Carrasco: Wenn ich mit Texten arbeite möchte ich diese nicht Wort für Wort umsetzen. Für die Interpretation bevorzuge ich eher eine konzeptionelle Erarbeitung: Ich versuche aufkommende Stimmungen und Gefühle in den Tanz zu übersetzen und die ‚Musikalität der Wörter‘ zu adaptieren.

anjanita: Gab es Probleme beim Umsetzen deiner Ideen für das Stück?

Rafaela Carrasco: Nein, zum Glück konnten alle Ideen, die für das Stück notwendig waren, problemlos umgesetzt werden.

anjanita: Bei dem Concurso de cante jondo wurden Laiensänger gesucht, da sie den ursprünglichen Gesang repräsentieren sollten. Wird dieser Umstand mit nur zwei Programmpunkten (Tonás de Manolo Caracol/Soleá de El Tenazas) entsprechend gewürdigt?

Rafaela Carrasco: Ich möchte mit dem Stück die wichtigsten Persönlichkeiten, die bei dem Wettbewerb zugegen waren, hervorheben. Zum einen diejenigen, die eine Auszeichnung erhielten: „La Gazpacha“, Manolo Caracol und „El Tenazas“. Zum anderen die Jury:  “La Niña de los Peines”, Antonio Chacón und Manuel “Torre”. Und letztendlich auch die zum concursoeingeladenen Künstler: „El cuadro de Zambras“, Ramón Montoya und „La Macarrona“.

anjanita: Meinst Du den Initiatoren des Concurso de cante jondo, insbesondere Federico García Lorca, würden Dein Stück gefallen?

Rafaela Carrasco: Es ist nicht so einfach sich in die Gedankenwelt einer Person hineinzuversetzen und dessen Geschmack zu treffen. Mit Liebe zum Detail haben wir jedoch versucht das Leitmotiv der mitwirkenden Persönlichkeiten immer im Auge zu behalten. Wenn man die Aufführung mit Leib und Seele zeigt, kann man sich ziemlich sicher sein, dass uns etwas verbindet.

anjanita: Dein Projekt führst du an verschiedenen Orten Spaniens auf. Erkennst du einen Unterschied bei der Rezeption oder der Kritik des Publikums? (Kennt man z.B. in Granada den „Concurso“ und in Huelva eher nicht?)

Rafaela Carrasco: Da sind keine Unterschiede zu verzeichnen. Auch als Laie kann man das Stück genießen- vielleicht entdeckt man einen speziellen Programmpunkt, der einen besonders bewegt, findet eine Choreographie besonders gut, oder den Gesang gelungen… Wichtig ist, dass der Zuschauer sich an seinen Eindrücken erfreuen kann. Kennt man natürlich die historischen Hintergründe, kann man das Stück noch mehr schätzen.

anjanita: Ihr wollt das Stück auch im internationalen Rahmen aufführen. Brauchen die Zuschauer ein gewisses musikalisches/poetisches Vorwissen um das Stück zu verstehen?

Rafaela Carrasco: Eindrücke und Emotionen versteht man unabhängig von der Sprache, trotzdem ist ein gewisses Vorwissen hilfreich um zum Beispiel die Tiefe des Poema de cante jondo von Federíco García Lorca begreifen zu können.

anjanita: Und zu guter Letzt: Hast Du schon Pläne für die Zukunft? Soll es wieder Lorca sein?

Rafaela Carrasco: Nein, meine Zukunft steht noch in den Sternen und ich genieße das Hier und Jetzt.

[Der Artikel wurde in der Flamenco-Zeitschrift Anda in der April/Mai 2014 Ausgabe  Nr. 113 erstmals veröffentlicht]

 

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